Tierschutz in der Schweiz und in der EU

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Interessanter Vergleich: Schweizer Tierschützer erachten das Schweizer Tierschutzrecht als das beste in Europa. Konzessionen an EU-Regelungen würden es gravierend verschlechtern, meint Prof. Dr. med. vet. Bernd Schildger, Direktor des Tierparks in Bern.

Die «Schweizerzeit» im Gespräch mit Prof. Dr. med. vet. Bernd Schildger (Bild), Direktor Tierpark Dählhölzli, Bern

«Schweizerzeit»: Herr Schildger, verdient das Schweizer Tierschutzrecht tatsächlich das Doppelprädikat «einzigartig» und «führend in Europa»?

Dr. Bernd Schildger: Eigentlich schon! Einzigartig ist bereits, dass allein das Schweizer Tierschutzrecht vollständig im Rang eines Gesetzes mit nachgeschalteter Verordnung steht, hervorgegangen aus parlamentarischen Beratungen und teilweise auch aus Volksabstimmungen. In allen anderen Ländern Europas ist der Tierschutz unvollständig und teilweise nur in Regierungs-Verordnungen oder Referenzgutachten festgehalten. Also bloss das Schweizer Tierschutzrecht ist durch und durch demokratisch legitimiert.

Das Schweizer Tierschutzrecht

Unterscheidet sich das Schweizer Tierschutzrecht auch inhaltlich von Verordnungen, die in anderen Ländern gelten?

Jawohl. Einzig die Schweiz besitzt ein liberales Tierschutzrecht. In der Schweiz kann jeder Bürger frei entscheiden, ob und welche Tiere er halten will. Das Gesetz verpflichtet ihn indessen zu guter, tiergerechter Haltung – welche Haus- oder Hoftiere er auch immer besitzt. In anderen Ländern gibt es «schwarze» Verbots-Listen oder «weisse» Listen, welche Tiere die Bürger halten dürfen. Die Schweiz verbietet einzig seit Kurzem die Haltung von Delfinen.

Wie wird denn «gute Tierhaltung» im Einzelnen definiert?

Dazu haben Tier-Fachleute – z.B. Zoodirektoren wie ich, aber auch Vertreter des Tierschutzes, der Landwirtschaft, der Tierhalter usw. – für jede Tierart die Voraussetzungen tiergerechter Haltung sorgfältig zusammengetragen. In den Anhängen zum Tierschutzgesetz und den nachgeschalteten Verordnungen, geführt vom Bund, ist zu jeder Tiergruppe beschrieben, wie sie tiergerecht zu halten ist.

Gerade wir als Zoo-Verantwortliche lernen laufend Neues zur tiergerechten Haltung. Es gibt schliesslich kein «Einheitstier». Jedes Tier entstammt besonderer Umgebung, in welcher es seine Lebensgewohnheiten – anders als andere Tiere an anderen Orten – entwickelt hat. Das stellt heute auch jeder aufmerksame Zoobesucher fest. Und dies muss folglich auch für die gesetzlichen Grundlagen gelten, die kontinuierlicher Anpassungen an diese neuen Erkenntnisse bedürfen, egal ob für Haustier, Nutztier oder Wildtier.

Um zunächst bei Zootieren zu bleiben: Früher war es das Bestreben eines jeden Zoos, auf begrenztem Raum möglichst viele Tierarten zu halten und quasi «auszustellen». Heute spezialisiert sich ein jeder Zoo auf bestimmte, einzelne Tierarten, denen zumeist in weitläufigen Grossgehegen ihren Existenzbedürfnissen gerecht werdende Bedingungen geschaffen werden – nicht selten mit anderen Tierarten zusammen, mit denen sie auch in freier Wildbahn zusammenleben. Diese Änderung in der Zoo-Tierhaltung ist das Ergebnis umfassender wissenschaftlicher Forschung. Das Tier wird heutzutage nicht mehr als «Ausstellungsobjekt» gehalten. Der Zoobesucher soll es in einer Umgebung beobachten und erleben, die seinen Lebensumständen in freier Wildnis soweit als möglich entspricht.

Und diese «Philosophie» hat auch Eingang ins Tierschutzrecht gefunden?

Jawohl. Solche Zoo-Tierhaltung hat ihren Niederschlag im Schweizer Tierschutzrecht gefunden. Und es ist für uns eine grosse Genugtuung, dass die Zoobesucher die von uns in den letzten Jahren umgesetzten Anstrengungen erkennen und auch begrüssen. Das neue, sehr populäre Elefanten-Gehege im Zürcher Zoo ist lediglich das jüngste, derzeit sicher auch eines der attraktivsten Beispiele solch moderner Tierhaltung, welche das Tierschutzrecht heute entscheidend prägt.

Die vom Bund geführte Tierschutz-Dokumentation, deren Inhalt – zu Zoo- wie zu Nutztieren – von Fachleuten zusammengetragen und regelmässig ergänzt wird, ist eine weltweit einzigartige Errungenschaft.

Sie wird erst angemessen gewürdigt, wenn man einen Vergleich zum Beispiel mit Deutschland – zweifellos auch ein hochentwickeltes Land – anstellt: In keiner deutschen Verordnung findet sich zum Beispiel auch nur ein Wort zum Pferd. Tiere sind dort Sammelbegriff – nicht einzeln gewürdigt. So etwas ist für die Schweiz heute undenkbar.

 

Tiertransporte

Tierschützer üben immer wieder Kritik an den auf Europas Strassen oft anzutreffenden Tiertransporten. Inwiefern hat die Schweizer Tierschutz-Gesetzgebung für unser Land andere Verhältnisse geschaffen, als sie im EU-Raum gelten?

Auch der Tiertransport steht in der Schweiz unter der Forderung, die Würde des Tieres sei zu respektieren. Damit unterliegen Tiertransporte in der Schweiz grundlegend anderen Auflagen als Tiertransporte in anderen Ländern. In der Schweiz dürfen Tiere nicht länger als sechs Stunden transportiert werden – eine Regelung, welche Transit-Tiertransporte von und in EU-Länder praktisch verunmöglicht.

In der EU sind Transportzeiten für Tiere von dreissig Stunden und mehr nicht allzu selten. Neuerdings werden Tiere gar in Containern auf stundenlangen Transporten an Mittelmeerhäfen verfrachtet, dort auf Schiffe verladen und im immer gleichen, engen Container zwecks kostengünstiger Schlachtung nach Nordafrika transportiert. Wer ein Tier als Lebewesen achtet, dürfte solche Transporte nie gutheissen können. Von der EU aus finden sie indessen täglich statt.

Warum ist in der Schweiz Vergleichbares nicht möglich?

Die Forderung nach «tiergerechter Haltung» gilt in der Schweiz auch für tiergerechten Transport. Vergleichbare Bestimmungen existieren in der EU nicht.

 

Sichtbare Unterschiede

In Deutschland sieht man viel seltener als in der Schweiz Tiere auf Weiden. Hat das mit unterschiedlicher Gesetzgebung zu tun?

Deutschland hat Sonderbestimmungen geschaffen über die Tierhaltung zum Zweck der menschlichen Ernährung. Das Gebot des Lebensschutzes des Tieres einerseits, Tierhaltung zur Gewährleistung der menschlichen Ernährung andererseits hat in Deutschland dazu geführt, dass Tiere nur ganz selten auf Weiden anzutreffen sind. Sie werden in Deutschland zunehmend in Gross-Stallungen, rigoros abgetrennt von den Menschen gehalten. Das Nutztier wird von der Wahrnehmung durch mündige Bürger ausgeschlossen und weggesperrt. In der Schweiz, orientiert an der Würde und am Wohlergehen der Tiere, müssen Tiere auch ins Freie können. BTS, die besonders tierfreundliche Stallhaltung und RAUS, der regelmässige Auslauf ins Freie sind bei uns auch Grundlage der Subventionierung und werden gefordert.

Auch dies sind Bestimmungen, die tiefgreifende Unterschiede in der Tierhaltung bewirken. Wir halten die Schweizer Tierschutz-Gesetzgebung auch deshalb für die fortschrittlichste europaweit. Sie EU-Normen angleichen zu müssen, wäre ein verheerender Rückschritt.

 

Rahmenvertrag

Besteht die Gefahr solcher Angleichung in Zusammenhang mit dem geplanten Rahmenvertrag zwischen Bern und Brüssel, der die Gesetzgebung für alle Bereiche, die in bilateralen Verhandlungen geregelt sind, von Bern nach Brüssel verlagert?

Solche Gefahr besteht durchaus. Die heutigen Schweizer Regelungen zu Tiertransporten müssten zweifellos den EU-Regelungen weichen. Das Transportrecht ist im bilateralen Transitvertrag zwischen Bern und Brüssel geregelt. Die Ausgestaltung des Transportrechts würde mit dem Rahmenvertrag zur alleinigen Domäne Brüssels. Die viel bessere, weit tiergerechtere Gesetzgebung der Schweiz müsste der Brüsseler Regulierung weichen. Das wäre aus meiner Sicht eine Katastrophe.

Wie sehen Sie als Autorität im Tierschutzrecht die Zukunft der Tierschutz-Gesetzgebung in der Schweiz und in der EU?

Ich setze mich mit aller mir zur Verfügung stehenden Überzeugungskraft dafür ein, dass die Schweizer Tierschutz-Gesetzgebung keinen Rückschritt hinnehmen muss, dass sie stattdessen Vorbild-Wirkung in Europa entfalten kann. Im Rahmen der Zusammenarbeit der Zoologischen Gärten in Europa haben wir schon viel erreicht. In anderen Bereichen besteht Nachholbedarf. Für mich sind EU-Regelungen, wonach Nutztiere von Menschen möglichst fernzuhalten sind und einzig im Blick auf spätere Fleischverarbeitung versteckt gehalten, transportiert und geschlachtet werden, alles andere als nachahmenswert.

In der Schweiz werden Tiere zum Glück nicht versteckt. Wer will, kann auf Weiden das Heranwachsen der Tiere verfolgen. Er sieht sie auf der Höhe ihrer Leistungskraft. Und er sieht sie auch alt werden – und es wird ihm klar, dass auch das Leben der Tiere zu einem natürlichen Ende kommt.

Die EU setzt auf die Entfremdung zwischen Mensch und Tier. Solche Zielsetzung ist meines Erachtens Ausdruck moralischer Schwäche. Jegliche Angleichung von Schweizer Tierschutzrecht an entsprechendes EU-Recht ist damit auch moralisch fragwürdig. Eine eigenständige Landwirtschaft mit hohem Selbstversorgungsgrad ist somit nicht nur besser für die Schweizer Landwirtschaft, sondern auch besser für die Tiere.

Herr Schildger, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Ulrich Schlüer. Erstpublikation in der Schweizerzeit.

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