Gegen Ungerechtigkeit wehren – auch wenn das Geld knapp ist

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Armut: Auch in der Schweiz ein ProblemSeit einiger Zeit gebe ich regelmässig Menschen, die an der Armutsgrenze leben, kostenlose Rechtshilfe. Es hat darunter sogenannte Working Poor, Geringverdiener, Ausgesteuerte, Kranke, Alleinerziehende, junge Familien und oft auch ältere Menschen, die keine Stelle mehr finden auf dem Arbeitsmarkt. Viele können kaum schreiben und wissen fast nichts über Gesetze. Und die Meisten sind schon unglaublich dankbar dafür, dass ihnen überhaupt einmal jemand zuhört und sie ernst nimmt. Ich berate sie in juristischen Fragen – selbstverständlich 100% ehrenamtlich – und gebe ihnen Ratschläge, wie sie ihr Recht durchsetzen können.

Die einzelnen Fälle sind unglaublich vielfältig. Aber eines haben fast alle Fälle gemeinsam: Menschen, die sonst schon täglich mit dem Leben zu kämpfen haben und oft ein geringes Wissen in Sachen Gesetze und Rechtsstaat haben, werden schamlos ausgenützt und betrogen. Offenbar denken sich fiese Leute und oft auch Behörden, mit armen Menschen könne man alles machen. Gerade wenn das Geld knapp ist verzichten viele auf eine anwaltliche Beratung, weil sie weitere Kosten fürchten und weil sie gutgläubig meinen, sie seien im Unrecht oder sie könnten ja doch nichts machen. Wenn sie die Gesetze nicht kennen, schenken sie den Behörden oder den Unternehmern halt Glauben. Dadurch erleiden sie so manchen Nachteil, der ihre Situation weiter verschlimmert.

Das muss nicht sein. Das darf nicht sein. Gleiches Recht soll für alle gelten! Gerne gebe ich einige Beispiele, die mich sehr aufgewühlt haben und auch wütend machen:

In mehreren Fällen wurde Menschen, die nicht fristgerecht zahlen konnten, einfach und vor allem ohne Vorwarnung (!!) der Strom abgestellt. Dabei entsteht oft auch Schaden, z.B. verderben alle eingefrorenen Vorräte, auf welche arme Menschen gerade besonders angewiesen sind. Es schmerzt, wenn die Betroffenen mit Tränen in den Augen erzählen, dass sie ihre selbst gepflanzten Nahrungsvorräte wegschmeissen mussten.
In einem anderen Fall wurde eine junge Frau aus einer Notlage heraus als kostenlose Arbeitskraft missbraucht. Sie arbeitete eine ganze Woche lang temporär für eine Firma und weil sie – mangels Rechtskenntnisse – nichts schriftliches unterzeichnete, bekam sie am Schluss dafür keinen Rappen zu sehen. Auch von den Arbeitsbedingunen her hielt sich die Firma an überhaupt nichts. Generell werden in vielen Fällen Menschen aus Notlagen heraus als Arbeitssklaven missbraucht und das Arbeitsrecht wird komplett ignoriert.
Ein Vater – der 100% als Arbeiter tätig ist – kam zusammen mit seinem Sohn vorbei. Die Mutter war verstorben. Dass die Beiden ein sehr gutes Verhältnis haben, spürte man sofort und beide bestätigten es. Die Behörden wollen nun dem Vater das Fürsorgerecht wegnehmen, weil dieser sich angeblich zu wenig um den Sohn kümmere und die Finanzen für den Sohn nicht aufbringen könne. Der Vater mag gegenüber den Behörden nicht immer korrekte Worte gewählt haben. Aber der Sohn hat bislang keinerlei Probleme gemacht und eine solche Massnahme wäre völlig unverhältnismässig.
Eine junge Dame, deren (auch sehr junger) Bruder mit 60’000 Franken Schulden verstorben ist, bekam alle seine ausstehenden Rechnungen mit der Begründung, sie habe nun seine Schulden geerbt. Sie hat mir vorgerechnet, wie sie mit wirklich enorm bescheidenem Leben Ende Monat etwa 30-50 Franken beiseite legen konnte und diese dann jeweils überwiesen hat. Bei 50 Franken monatlich müsste sie so rund 600 Jahre abzahlen. Bekommen hat sie übrigens nichts und selbstverständlich hat sie das Recht, das Erbe abzulehnen.

 

Die Fälle liessen sich beliebig weiterführen. Die Stunden mit diesen Menschen wühlen auf und sind sehr wertvoll. Aber sie stimmen auch nachdenklich. Logisch, mein Beitrag ist nur ein kleiner Tropfen auf den heissen Stein. Und aus zeitlichen Gründen kann ich auch nur eine sehr beschränkte Anzahl Personen beraten. Oft ist dies ja mit dem Verfassen von Briefen oder Telefonaten und einer wochenlangen Nachbearbeitung verbunden. Es gibt auch heute durchaus Möglichkeien, z.B. ein Antrag auf kostenlose Rechtshilfe, um das Recht durchzusetzen. Nur muss dies – gerade auch in wenig informierten Kreisen – viel bekannter gemacht werden. Dafür werde ich mich einsetzen.

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