"General Guisan? Nie gehört." – Für mehr Schweizer Geschichte in der Schule

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Erstpublikation: „links bis rechts“ auf News1.ch

Jonas Furrer? Nie gehört. Alfred Escher? Hmm, vielleicht ein Musiker. Henry Dunant? Das war doch ein Forscher, oder? General Guisan? Etwa der Gründer von Migros? Die Schweizer Geschichtskenntnisse der Jugend sind erschreckend schwach.

Erneuerung des Soldbündnisses zwischen Ludwig XIV. und Gesandten der Eidgenossenschaft in Paris, 1663

Erneuerung des Soldbündnisses zwischen Ludwig XIV. und Gesandten der Eidgenossenschaft in Paris, 1663

Im Gespräch mit heutigen Schülern – das ich rege pflege, will ich doch ein Vertreter der Schweizer Jugend sein – stelle ich immer wieder grosse Lücken im Geschichtswissen fest. Das ist nicht verwunderlich. Leider wird heute in der Schule die Schweizer Geschichte nur noch am Rande behandelt. In meiner eigenen Zeit lernte ich die Geschichte von Russland, Indien, China, Australien, England und Amerika. Das alles war spannend und lehrreich, aber die Schweizer Geschichte wurde dabei vergessen. Sie muss im Schulunterricht dringend wieder mehr Priorität bekommen. Wenn ich ein Schulbuch meines Grossvaters mit den heutigen Schulbüchern vergleiche, so sind die Unterschiede der Schwerpunkte beträchtlich. 

Warum sind Kenntnisse der Geschichte so wertvoll? Die Geschichte der Schweiz ist kraftvoll und auch heute noch enorm lehrreich. Die Bauern, die 1291 frei sein wollten und sich erhoben, um nicht länger Knechte zu sein. Die Soldaten, die unser Land vor fremden Mächten beschützten, um unabhängig zu bleiben. Die Schaffung des Bundesstaates 1848 mit einmaligen Freiheits- und Volksrechten, der Direkten Demokratie. Die Industrialisierung, die Überquerung der Alpen, der Forscher- und Erfindergeist. Generation für Generation trugen ihren Anteil dazu bei, um die Schweiz zu dem zu machen, was sie heute ist. Ein Erfolgsmodell, auf das wir alle stolz sein dürfen. Für den Zusammenhalt und die Identität der Willensnation Schweiz ist die eigene Geschichte von entscheidender Bedeutung. Dabei sollen auch die negativen Punkte nicht ausgeblendet werden, z.B. die Bürgerkriege zwischen den Konfessionen. Auch daraus lässt sich etwas lernen.
Am 1. August gedenken wir jeweils im ganzen Land der eindrücklichen Geschichte der Schweiz. Schon nach dem Erlöschen der letzten Funken verschwinden oft auch die Gedanken an die Geschichte. Das ist schade, aber dieses Jahr vielleicht etwas anders. Am 1. August eröffnete das Schweizerische Landesmuseum die neue Dauerausstellung «GESCHICHTE SCHWEIZ». Mit dieser Ausstellung gibt das Museum erstmals einen umfassenden Einblick in die Schweizer Geschichte. Und zahlreiche weitere, oft zu wenig beachtete Museen, vom Bundesbriefmuseum und dem Forum für Schweizer Geschichte in Schwyz über die Stiftsbibliothek in St.Gallen bis hin zur Römerstadt Augusta Raurica, geben imposante Einblicke in die Schweizer Geschichte. 
Auch das Projekt «Alpenfestung – Leben im Réduit» des Schweizer Fernsehens beleuchtet einen wichtigen Teil der Schweizer Geschichte – die Jahre des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz – von einer neuen Seite: 25 Männer zogen in die Festung Fürigen bei Stansstad im Kanton Nidwalden und leben wie im Aktivdienst. Drei Frauen und fünf Kinder bewirtschaften einen ärmlichen Bauernhof in Emmetten und beteiligen sich an der historischen Anbauschlacht. Das bringt Geschichte einem breiten Publikum näher. Und die daraus entstandene Diskussion ist symptomatisch für den Umgang mit Geschichte in der Schweiz. Die GSoA forderte den Abbruch der Sendung, schweiz-feindliche Historiker behaupteten, die Schweizer Geschichte werde in der Serie zu positiv dargestellt. Darf nur das Negative Thema sein? Wenn man die Schweiz verachtet wohl schon.
Zurück zu den Schülern: Ob im Lehrplan je konkrete Verbesserungen umgesetzt werden, ist unsicher. Nehmen wir das Heft also selber in die Hand. Die Jüngeren möchte ich fragen: Wann habt Ihr das letzte Mal mit Euren Grosseltern, mit Eurem Grossonkel, der Grosstante oder einfach Eurer älteren Nachbarin über die vergangenen Zeiten diskutiert? Und den Älteren möchte ich zurufen: Gebt Euer unbezahlbares Wissen und Eure breiten Erfahrungen weiter an die nächsten Generationen. Heute, wo die durchschnittliche Lebenserwartung viel höher ist – man spricht bereits von der Viergenerationengesellschaft – bestehen auch viel mehr Möglichkeiten dafür.
Es gibt kaum etwas Eindrücklicheres als mit einem Mann zu reden, der noch im Aktivdienst in Kreuzlingen an der Grenze stand oder einer Frau, die daheim um ihre Familie bangte. Diesen wertvollen Dialog zwischen den Generationen sollten wir wieder viel mehr pflegen. Er stärkt die Menschen. Er stärkt das Land. 

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5 Responses to “"General Guisan? Nie gehört." – Für mehr Schweizer Geschichte in der Schule”

  1. Patrick sagt:

    Es ist tatsächlich erschrenkend, wie wenig unsere Jugendlichen und jungen Erwachsenen über Schweizer Geschichte wissen. Der Unterricht ist inzwischen ausgedünnt worden. Ebenso erschrenkend ist jedoch, dass man bis vor wenigen Jahren Schweizer Mythlogie als Geschichte kennzeichnete.

    Kein Wunder verlieren diverse Bürger das Interesse, merken sie doch, dass man ihnen Sagengeschichten aufgetischt hat.

    Nur so nebenbei: Ich stelle nicht nur in geschichtlichen Belangen „gewisse Defizite“ fest.

  2. Dora Moretti sagt:

    Man kann unterschiedlicher Meinung sein was in der Schule pädagogisch sinnvoll sei und was nicht. Ob das lernen was vor 100Jahren geschehen ist so wichtig ist, bezweifle ich.
    Rechnen, Sprachen, Geographie, Physik usw. sollten schon eher Prioritäten haben.

    Der Dialog mit erfahrenen Generationen ist sicher auch interessant.

  3. Duppenthaler Alfred sagt:

    Ich stimme in allen Punkten mit Ihnen überein, aber ich habe, ausser der Bundesratswahl vors Volk, noch ein anderes Anliegen. Die Krankenkassen gehören wie die SUVA unter einen Hut. Die SUVA hat auch einen Wasserkopf, die Krankenkassen jedoch Hunderte die eine Riesen Summe kosten und vom Volk bezahlt werden.Freundliche Grüsse A.Duppenthaler

  4. Peter S. sagt:

    Dumm nur, dass die SUVA keine Einheitsunfallversicherung ist, wie manche glauben. Nebst der SUVA gibts noch zig andere Unfallversicherer.
    Nichts desto trotz finde ich es wertvoll, wenn in der Schule Schweizergeschichte auf dem Lehrplan steht, denn guisan war absolut nicht der Erfinder des Schweizerwappens 🙂

  5. Peter sagt:

    wenn die wahre schweizer geschichte jenseits von tell, morgarten etc ein thema wäre, gingen wohl einige nationalkonservative auf die barrikaden. stichworte wie die von aussen diktierte neutralität, oder dass wir einen napoleon brauchten, um endlich modern zu werden..würde geschichte, und nicht mythen gelehrt, hätte die svp wohl weniger wähler. Von wegen freiheit und unabhängigkeit seit 1291…

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