Stadion – verbotene und rechtsfreie Zone?

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Was wären Fussball und  Eishockey vor leeren Rängen? Ohne Fans, Gesänge, Choreografien – ohne Stimmung und Spannung? Nichts. Doch genau darauf bewegen wir uns in schnellen Schritten zu.

Artikel für die Aargauer-Zeitung

In den Kantonsparlamenten wird derzeit über die Verschärfung des sogenannten Hooligan-Konkordates diskutiert. Die Bezeichnung ist  irrtümlich, denn das Konkordat richtet sich gegen alle Matchbesucher und Ultras. Richtige Hooligans hingegen sind davon kaum betroffen. Politiker versuchten diese Woche im Nationalrat sogar, die Konkordate noch zu überbieten. Es scheint, als befänden wir uns in einem politischen Wettkampf: Wer beschliesst die härtesten Massnahmen gegen Sportfans –  egal, wie sinnlos oder gar verfassungswidrig sie sind. Der voreilige Aktivismus mündet in komplett absurden und kontraproduktiven Aktivismus.

Ein Vorstoss will, dass Sportfans mit gültigem Fahrausweis nicht mehr zu befördern sind. Man stelle sich vor: Eine Gruppe St.Galler-Fans reist mit dem Fanzug nach Basel und dort beschliessen die SBB, wir nehmen euch nicht zurück. Wer soll das durchsetzen? Das Zugpersonal? So provoziert man geradezu Auseinandersetzungen.

Weitere Fragen bleiben offen: Wer ist Fan, wer ist keiner? Ab wann wird jemand ausgeschlossen? Wer ist für den Ausschluss zuständig? Sollen in Zukunft Tausende von Polizisten bei allen Zugeingängen Personenkontrollen durchführen, um Einzelpersonen von der Mitfahrt auszuschliessen? Sollen einzelne Fangruppierungen generell vom Bahnverkehr ausgeschlossen werden?

Die Vorlage richtet sich ausschliesslich gegen Sportfans. Das ist unverhältnismässig! Bei gewalttätigen 1. Mai-Demonstrationen oder anderen Chaoten drückt man beide Augen zu. Sonderjustiz für Fussballfans, das liegt im Trend! Reines Wunschdenken prägt die Debatte. Wenn Personen von Fan-Extrazügen ausgeschlossen werden, reisen sie einfach mit Regelzügen oder Autos an.  Eine Verlagerung des Problems, bestimmt aber keine Besserung!

Dagegen sollen Kombitickets helfen. Eingelassen ins Stadion würde nur, wer mit dem Extrafanzug anreist. Doch auch das ist nicht praktikabel: Wenn der FC Aarau in Wil spielt, müsste der Thurgauer FCA-Fanclub Turgovia (ja, den gibt’s wirklich) zuerst nach Aarau fahren und von da wieder zurück. Oder der Servette-Fanclub Deutschschweiz müsste für ein Spiel in St.Gallen zuerst nach Genf reisen, um von da den Zug nach St.Gallen zu nehmen. Dass ist Unsinn.

Verstehen Sie mich richtig: Ich bin gegen jegliche Gewalt. Und wenn ein Randalierer tatsächlich Sachbeschädigungen begeht oder Gewalt anwendet, soll er die volle Härte des Strafrechts spüren. Deswegen müssen aber nicht alle friedlichen Matchbesucher unter Generalverdacht gestellt werden.

Auch mit Stadionverboten wird die Schweizer Rechtsprechung ausgehebelt und quasi ein Ersatzstrafrecht geschaffen. Anhörungsrechte werden nur beschränkt gewährt. Immer wieder kommen Fälle ans Licht von Fans, die nie gewalttätig waren und aufgrund von Verwechslungen oder Missverständnissen auf der Verbotsliste landen.  Zu Pyrotechnik kann man geteilter Meinung sein, aber Pyro mit schwerer Gewalt oder Terrorismus gleichzusetzen ist übertrieben.

In der französischen Revolution haben Menschen mit ihrem Blut dafür gekämpft, dass rechtsstaatliche Grundsätze und Grundrechte geschaffen werden und für alle gelten. Diese sind heute unbestritten. Doch sie werden schleichend wieder abgeschafft. Heute für Fussballfans und Eishockeyfans. Wer ist als nächstes dran?

Immerhin lehnte das Parlament diese Woche zum ersten Mal eine noch repressivere Massnahme ab. Die Sportgegner wollten schweizweite Schnellgerichte schaffen, exklusiv nur gegen Fans. Schwerwiegendere Delikte wie Drogenhandel, Diebstahl oder Kriminaltouristen blendet man hingegen einfach aus. Es ist mit den Grundrechten nicht vereinbar, eine lex specialis nur gegen Sportfans zu schaffen. Die absurde Idee, dass auch Uri, Appenzell oder Nidwalden zur Schaffung von Schnellgerichten gegen Fussball- und Eishockeyfans gezwungen werden sollen, ging dann doch einer Mehrheit zu weit. Die Hooligans vom FC Altdorf, SC Appenzell oder BSV Stans? Ein Witz!

Fans sind zu Unrecht nur mit negativen Schlagzeilen präsent. Sie leisten starke Jugendarbeit und sorgen für Emotionen und Stimmung in den Stadien. Sie sind durchaus bereit für den Dialog und für das Finden von gemeinsamen, sinnvollen Lösungen. Es wäre den Damen und Herren Politikern sehr zu empfehlen, sich einmal mit den Fans auszutauschen. Auch ihre Stimme muss im politischen Entscheidungsprozess gehört werden.

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