Gastbeitrag zur möglichen Abschaffung des Heimatortes: Oberhof bedeutungslos?

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Waren Sie schon einmal in Oberhof? Die Fricktaler Gemeinde am Fusse des Benkerjochs zählt gerade einmal 570 Einwohner.  Wer mit dem Postauto hinfährt, wird vom charismatischen Gemeindepräsident Roger Fricker höchstpersönlich chauffiert. 42 Vereine halten den Ort lebendig.

Wieso ausgerechnet Oberhof?  Die Antwort ist einfach: Oberhof ist mein Heimatort. Und ich bin stolz darauf. Nicht erst, seit ich die 1. August-Rede dort halten durfte und als Geschenk ein Dorfflagge mitnahm, die heute dem Wiler Schnee trotzt. Oder seit ich im Restaurant Adler die Gastfreundschaft der Einwohner geniessen durfte. Nein, obwohl ich selber nie in Oberhof wohnte, gibt es zahlreiche Familiengeschichten über Oberhof. Von Ur-Ur-Ur-Grossvätern und ihren Heldentaten. Oder vom Vater, der als Jugendlicher nach Berlin reisen wollte und in der DDR festhalten wurde, weil es in Thüringen den gleichnamigen Skiort Oberhof gibt und die DDR-Grenzwächter seinen Pass mit dem Bürgerort Oberhof für eine unkreative Fälschung hielten. Selbst hier in der Ostschweiz trifft man Menschen mit Heimatort Oberhof.

Der Heimatort ist ein weltweites Unikum. In den meisten Ländern dieser Welt wird – wenn überhaupt – auf den Geburtsort abgestellt. Einen Heimat- oder Bürgerort kennt man nicht. Und nun steht dieser Schweizer Sonderfall wieder einmal politisch unter Beschuss.  Eine Ständeratskommission will endgültig trennen, was über Jahrhunderte zusammengehörte: Die Stätte der Vorfahren soll bei der Sozialhilfe keine Rolle mehr spielen und damit die letzten rechtlichen Bedeutungen verlieren. Schon beim neuen Ausweisgesetz wurde vorgeschlagen, den Heimatort durch den EU-kompatiblen Geburtsort zu ersetzen. Und in der Volkszählung wird er gar seit 1990 nicht mehr erfasst.

Die ersten Schritte in Richtung soziale Sicherheit hängen eng mit dem Heimatort zusammen. Als die Armenfürsorge am Ende des Mittelalters in die Hände des Staates ging, wurde das Heimatprinzip geschaffen. Im 17. Jahrhundert gab es erste Bettelordnungen, welche den Gemeinden verbot, ihre Ärmsten einfach in eine andere Gemeinde abzuschieben. Den Bürgern gab der Heimatschein die Sicherheit, im Notfall Hilfe zu bekommen. Die Gemeinden andererseits konnten Zuzüger, welche mittellos waren, an ihre Heimatgemeinde verweisen.

Wenn man nun den Bürgerort über Bord werfen will, dann führt dies zu hohen Bürokratiekosten. Alle amtlichen Ausweise müssten neu gestaltet und umgeschrieben werden. Ämter hätten Schriften und Informatik umzustellen. Noch viel wichtiger: Ein über Jahrhunderte bewährtes Stück Heimat würde zerstört. Und das wäre in einer globalisierten Welt, wo Heimat Halt und Verwurzelung gibt, sehr schade. Es geht um Wurzeln, die über Generationen vom Vater zum Sohn weitervererbt werden. Das Bewusstsein der Verbundenheit mit früheren Generationen kann  wie eine Rettungsleine durch die schwierige Gegenwart sein. Wir alle wollen wissen, wer wir sind und woher wir kommen, ohne diese Klarheit bleibt eine Leere in uns zurück.

Der emotionale Wert des Heimatorts ist gross. Nicht nur der Ahnenforschung erleichtert er die Arbeit. So bot etwa die Rheintaler Gemeinde Diepoldsau den Schweizer Einwohnern in einer Aktion das Bürgerrecht vereinfacht an. 502 Erwachsene und Kinder machten davon Gebrauch. Die stolze Zahl zeigt, dass der Heimatort bei Bürgern hoch im Kurs steht! Wichtig bleibt der Bürgerort auch in vielen Kantonen, wo an der Ortsbürgerversammlung über Einbürgerungen mitentschieden wird und für Auswanderer, deren Schriften im Bürgerort deponiert werden können. Gerade bei Einbürgerungen ist es wichtig, dass nicht nur ein nationales und ein kantonales Bürgerrecht vergeben werden, sondern dass der Einbürgerungswillige auch lokal – dort wo man ihn kennt – verankert ist.

Der Heimatort ist kein alter Zopf, sondern ein modernes und sinnstiftendes Instrument. Der Schriftsteller und Politiker André Malraux pflegte passend zu sagen: “ Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern.“

Nun mögen Sie einwenden, wie dies jene Politiker tun, welche den Heimatort gerne abschaffen würden, Sie hätten keinen Bezug zu Ihrem Heimatort und seien noch nie dagewesen. Dann empfehle ich, den nächsten Wochenend- oder Familienausflug statt ins Elsass oder in den Schwarzwald einmal in Ihren Bürgerort zu machen. Sie werden ihn lieben!

 

 

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