Der Schweizerkönig: Johann Rudolf Wettstein

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Es ist eines der besten und vor allem motivierendsten Bücher, das ich seit langem gelesen habe. Und es ist die ideale Lektüre für die Sommerferien oder den Nationalfeiertag. Die neue Zürcher Zeitung schrieb bereits 1935 über dieses jetzt neu aufgelegte Buch: „Dieses in gepflegter Sprache geschriebene Werk ist nicht nur ein weiterer Beitrag zur Biographie des großen Bürgermeisters und eidgenössischen Gesandten Johann Rudolf Wettstein geworden, sondern ein Kunstwerk hohen Ranges, das die markige Gestalt des aufrechten Eidgenossen in ihrem innersten Wesen vor dem Leser lebendig werden lässt.“
Als Johann Rudolf Wettstein (1594-1666) im Jahre 1645 zum Bürgermeister der Stadt Basel gewählt wird, tobt in Nordeuropa der Dreißigjährige Krieg. Die Schweizerische Eidgenossenschaft ist Teil des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation und somit rechtlich dem Reichskammergericht in Speyer unterstellt. Als dieses bei zwei nebensächlichen Rechtsfällen entscheidet, dass Basler Handelsgüter beschlagnahmt werden dürfen, wird das in der Eidgenossenschaft als unzulässige Einmischung in innere Angelegenheiten angesehen. Daraufhin entsenden die Stände Zürich, Basel und Schaffhausen Wettstein mit dem Auftrag, nichts Geringeres als die Unabhängigkeit vom Reich zu erlangen. Mary Lavater-Sloman schildert in „Der Schweizerkönig“ auf lebendige Weise, wie Wettstein den Weg nach Münster auf sich nimmt, um, von Gicht geplagt und von seinen Gegnern verspottet, an den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden teilzunehmen. Seine zentralen Anliegen haben auch über 350 Jahre nach den historischen Ereignissen nichts von ihrer Aktualität verloren: Wie definiert sich die Schweiz nach außen? Wie können Neutralität und Unabhängigkeit gewahrt werden?
Fragen, auf die „Der Schweizerkönig: Johann Rudolf Wettstein“ eine überzeugende Antwort liefert.

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Mein Nationalratskollege Ulrich Schlüer schreibt in seinen Worten zum 1. August einen sehr treffenden Artikel über das Buch:
Als Eidgenosse durch und durch, der den Stier bei den Hörnern packte und nach zähem Kampf bändigte – so charakterisiert Mary Lavater-Sloman in ihrer ursprünglich 1935 veröffentlichten, kürzlich neu aufgelegten Biographie den Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein. Im Westfälischen Frieden von 1648 rang Wettstein im Namen der Eidgenossen dem Kaiser des «Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation» die Anerkennung der staatlichen Souveränität der Schweiz ab.

Es war ein seltsamer Aufzug, der, aus Basel kommend, im Dezember 1646 an den westfälischen Friedenskongress-Orten Münster und Osnabrück auftauchte, wo die europäischen Mächte den Frieden suchten nach dem fast alle Landstriche Europas fürchterlich heimsuchenden Dreissigjährigen Krieg. Das magere Züglein, das da aus Basel ankam, zeigte auch nicht den Anflug von höfischem Prunk, der diesen Kongress trotz allem Kriegselend, das Europa überzogen hatte, prägte. Da kamen keine karrieresüchtigen Höflinge, keine in Glanz und Seide aufmarschierenden Intriganten von irgend einem der Höfe in Europa. Da traf ein Republikaner ein – ohne Ordenssterne auf seidenem Wams nahezu Ärmlichkeit ausstrahlend. Doch es ging diesem Eidgenossen nicht um Geschmeide, nicht um Unfreiheit tarnenden Glanz. Da zog ein Schweizer in die Verhandlungsarena ein, dessen Anliegen einzig die Freiheit seiner Heimat war.

Trotz aller körperlichen Gebresten der ihn quälenden Gicht bewies Wettstein bald seine Zähigkeit im Verhandeln. Er fand sich zurecht im Intrigen-Dschungel der adligen Hofschranzen, verhandelte ebenso geduldig wie unbeugsam mit den Diplomaten der französischen Krone, der verschiedenen Fürsten – und immer wieder mit jenen des Kaisers. Bis das von ihm erstrittene, ihn wahrhaft erlösende Wort des Kaisers fast zwei Jahre nach Wettsteins Eintreffen schriftlich und verbindlich vorlag. Die Bestätigung, wonach die Eidgenossenschaft «im Besitze vollkommener Freiheit» sei – ein freier, souveräner Staat.

Fast noch eindrücklicher: Wettstein hat sich mit seiner gradlinigen Unerschütterlichkeit und Entschlossenheit nicht bloss Respekt verschafft bei den Höflingen und Diplomaten. Wettstein, der ebenso zähe wie bescheidene Eidgenosse, hatte weit mehr erreicht.

Es war der 10. November 1648, als der «kaiserliche Rat Dr. Isaac Volmar» die der Schweiz Freiheit und Souveränität garantierende Urkunde des Kaisers dem Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein, dem Abgesandten der Eidgenossenschaft überreichte. Er hatte gleichzeitig von Wettstein Abschied zu nehmen, da dieser nach erreichtem Ziel ohne Verzug aufbrach – zurück nach Basel, zurück in die Eidgenossenschaft. Die Abschiedsworte des mit allen Wassern gewaschenen Hofdiplomaten Dr. Volmar lassen keinen Leser unbeindruckt: Wettstein, der bei seinem Einzug zwei Jahre zuvor in Münster angesichts seines bescheidenen, ja ärmlichen Aufzugs noch als «Schweizerkönig» hochmütig bespöttelt worden sei, sei ihm, dem den Glanz des Kaiserhofs ausstrahlenden Dr. Volmar, echter Freund geworden. Der kaiserliche Gesandte empfand es als tiefes Bedürfnis, Wettstein mitzuteilen, wie ihn die Freundschaft des bescheidenen Eidgenossen ehre und bereichere – habe er in Wettstein doch die einzige Persönlichkeit an diesem monatelang im Festglanz sich ergehenden Diplomaten-Basar kennengelernt, die immer nur für ihre Sache ebenso unerschrocken wie unerbittlich gekämpft habe. Wo es andern um Luxus, Prasserei, höfischen Pomp und Karriere ging, sei Wettsteins Zähigkeit zum Inbegriff schweizerischen Freiheits- und Unabhängigkeitswillens geworden. In der Person Wettsteins, der – ohne dass eine Armee in seinem Rücken gestanden habe – sein Anliegen mit so einzigartigem Mut und nie erlahmender Zähigkeit vertreten hätte, der «den Stier so unerschrocken bei den Hörnern gepackt habe», in dieser Person des Johann Rudolf Wettstein habe er, der Diplomat des Hauses Habsburg, die Schweizerische Eidgenossenschaft kennengelernt – frei von allem Pomp und Glanz, unbeirrbar immer nur ihrer Freiheit, ihrem Selbstbestimmungsrecht verpflichtet.

Wo sind sie geblieben, die Anwälte unseres Landes, die in den Fussstapfen des Johann Rudolf Wettstein unbeirrbar für Freiheit und Selbstbestimmung der Schweiz zu kämpfen bereit sind?

Da wollten doch anfangs 2011 zwei Bundesräte – Micheline Calmy-Rey und Johann Schneider-Ammann – Brüssel neue Vorschläge zu neuen bilateralen Abkommen unterbreiten. Hochgemut reisten sie in die Hauptstadt der EU – und hatten sich wie Schulbuben und Schulmädchen zunächst gehörig abkanzeln zu lassen. Sie kamen dann, ziemlich geknickt, zurück. Im Brüsseler Jargon beteuern sie seither, es gebe unter gleichberechtigten Partnern nichts mehr bilateral zu verhandeln; die Schweiz – so wolle es Brüssel – müsse vielmehr in «gesamtheitlich koordiniertem Ansatz» vordringlich «die institutionelle Einbindung» all ihrer Organe in Brüssels Gesetzesmaschinerie vornehmen…

Hartnäckiger Freiheitskämpfer damals, zutiefst geachtet und respektiert von seinen höfischen Verhandlungsgegnern – Freiheits-Ausverkäufer heute, gedemütigt und wohl auch verlacht von den Brüsseler Chefbürokraten.

Die Schweizerische Eidgenossenschaft steht vor schwierigen Zeiten, vor schwierigen Entscheidungen. Unsere Freiheit, unsere Selbstbestimmung stehen ganz oben auf der Liste der Ausverkäufer unserer Souveränität.

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One Response to “Der Schweizerkönig: Johann Rudolf Wettstein”

  1. Peter Schüppach sagt:

    Und hier noch eine anderer Kommentar zum Buch und zu Wettstein, allerdings etwas kritischer. Ob er hier wohl Platz hat? http://www.stadtwanderer.net/?p=13661

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